Lust am Fliegen verloren

Lust am Fliegen verloren

Mein Vater hat nach einer ganzen Woche Modellflugschule frustriert das Modellfliegen aufgegeben. Erst Jahrzehnte später, an seinem allerletzten Tag, hatte er endlich den perfekten Flugtag. Wie das damals war, warum der Frust so tief saß und was an diesem letzten Tag passiert ist, erzähle ich dir heute.

Wir haben damals ganz alleine mit den ersten Flügen angefangen. Wir haben uns das einfach so gedacht: Wir gehen raus auf die Wiese, starten den Flieger, werfen ihn in die Luft – Absturz. Dann ging es wieder heim ans Reparieren.

Und dann haben wir genau dasselbe natürlich noch einmal gemacht: wieder geflogen, wieder abgestürzt, wieder repariert. So sahen unsere ersten, völlig erfolglosen Flugversuche aus.

Irgendwann haben wir gesagt: „So, jetzt müssen wir etwas ändern.“ Damals gab es ja noch kein Internet. Du konntest nicht einfach schnell irgendwo ein Video anschauen oder googeln, sondern du musstest dich irgendwie anders informieren. Das ging damals eben über Telefonate und Zeitschriften. Wir haben uns durch Fachzeitschriften gewälzt, nachgefragt und telefoniert. Und so sind wir auf eine ganz bekannte Modellflugschule gestoßen und haben uns dort angemeldet.

Wir haben uns damals total gefreut: eine ganze Woche fliegen! Wir haben uns natürlich gedacht: Wenn wir jetzt dort sind und das unter professioneller Anleitung lernen, dann kommen wir nach der Woche zurück und können fliegen. In einer Woche unter Aufsicht muss das ja einfach klappen.

 

Warum die optimalen Bedingungen in der Flugschule täuschten

Als wir dann zu der Modellflugschule gekommen sind, waren die Bedingungen eigentlich perfekt:

  • Es war ein wunderschönes Fluggelände

  • Das Wetter war die ganze Woche über super

  • Die anderen Leute im Kurs waren klasse

  • Der Fluglehrer war super nett

Eigentlich waren es die perfekten Rahmenbedingungen, und jetzt war einfach nur noch Fliegen angesagt.

Der Flieger, mit dem wir dort geschult wurden, war ein Motortrainer mit Verbrennungsmotor. Er wurde über alle Achsen gesteuert: Motor, Höhenruder, Seitenruder und Querruder. Das war absolut kein eigenstabiles Modell, sondern ein Flugzeug, das die ganze Zeit ununterbrochen gesteuert werden musste.

Die Aussage von der Flugschule war damals: „Ja, wenn du immer steuerst, dann musst du ständig reagieren – und genau dadurch lernst du auch, den Flieger zu kontrollieren.“

Wir waren eine kleine Gruppe von Leuten, sind immer nacheinander geflogen und jeder hatte so seine Flugzeiten. Aber irgendwie sind wir einfach nicht so richtig weitergekommen. Klar haben wir am Anfang erst einmal mit dem Lenken begonnen, damit wir das Auf-uns-zufliegen lernen und die Richtungen nicht mehr vertauschen. Und so sind wir Tag für Tag geflogen.

Warum Dauerstress und das Lehrer-Schüler-Kabel die Leichtigkeit nahmen

Das Problem war: Wir sind immer wieder knallhart in die Überforderung gekommen. Wenn es kritisch wurde, hat der Fluglehrer sofort am Kabel übernommen und die Situation gerettet. Oft wussten wir am Boden überhaupt nicht, was da oben gerade passiert war oder warum es passiert ist.

Der Flieger hat sich beim Fliegen oft einfach immer weiter von uns entfernt – und kurz bevor man ihn fast nicht mehr sehen konnte, hat der Fluglehrer wieder eingegriffen und ihn zurückgeholt.

Die Landung haben wir natürlich auch geübt, aber es hat sich irgendwie immer komisch angefühlt. Wir waren permanent in der Überforderung. Es hat auch nicht so richtig Spaß gemacht, weil es einfach extrem anstrengend war. Es hat komplett die Leichtigkeit gefehlt, dass man einfach mal entspannt fliegt und pure Freude daran hat.

Oft fing es auch schon am Boden an: Der Flieger hatte ja einen Verbrennungsmotor, und der sprang nicht immer zuverlässig an. Dann hat der Lehrer wieder eine Weile herumgeschraubt und etwas verstellt. Wir haben nie so genau gewusst, was er da eigentlich macht. Er meinte dann nur: „Ja, ich muss ihn noch ein bisschen einstellen, dann läuft er wieder.“ Meistens lief er dann auch und wir sind wieder in die Luft gegangen.

Am Ende der Woche standen dann die letzten Flüge an, und wir sollten eigentlich noch einmal alles komplett alleine machen. Aber auch da musste der Fluglehrer immer wieder übernehmen, weil wir uns schlicht unsicher gefühlt haben und ständig in kritische Situationen geraten sind: Der Flieger ist bei der Landung abgedriftet, in die falsche Richtung gezogen – die Sicherheit war einfach nicht da.

Als wir nach dieser Woche heimgekommen sind, war mein Vater stinksauer auf die Flugschule. Die Erwartungen wurden überhaupt nicht erfüllt. Wir konnten nach einer ganzen Woche nicht alleine fliegen und fühlten uns weiterhin völlig unsicher. Genau an diesem Punkt geben viele frustriert auf – sei es nach einer Woche Flugschule, nach eigenen Fehlversuchen oder nach ersten Schritten im Verein.

Warum der Frust nach dem ersten Alleinflug endgültig besiegelt war

Nach der Flugschule wollten wir natürlich wissen, ob wir nicht doch etwas gelernt hatten. Wir sind wieder raus auf unsere Flugwiese gefahren. Das war eine wirklich riesige Wiese, auch wenn außenherum dichter Wald stand.

Wir haben unseren Flieger und das Hochstartseil ausgepackt, haben das Modell eingeklinkt und nach oben gezogen. Das Hochziehen hat auch ganz gut geklappt. Oben in der Luft sind wir dann geflogen.

Und dann passierte wieder das alte Problem: Irgendwann hat man die Richtungen vertauscht.

In dem Moment kam sofort Panik auf:

  • Man steuert hektisch

  • Die Bäume vom Wald kommen immer näher

  • Die Panik am Boden wird noch größer

  • Und dann war der Flieger voll im Baum drin

Da war der Frust natürlich unbeschreiblich groß: Da bezahlt man eine ganze Woche Modellflugschule, investiert Zeit und Hoffnungen – und beim allerersten Mal, wenn man wieder alleine auf der Wiese steht, fliegt man direkt in den nächsten Baum.

Das war der Moment, an dem mein Vater endgültig die Lust am Modellfliegen verloren hat. Er hatte ja schon damals zu meiner Geburt seine ersten Flugversuche gemacht, war abgestürzt, hatte repariert und war wieder abgestürzt. Dann lag der Flieger jahrelang im Keller. Jetzt wollte er es gemeinsam mit mir noch einmal anpacken, und dann ging es mit genau demselben Frust weiter. Es war ihm einfach zu viel.

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Warum wir es damals unter diesen Umständen gar nicht lernen konnten

Wenn ich mit meiner heutigen Erfahrung darauf zurückblicke, ist völlig klar, warum der Frust so groß war und warum wir damals scheitern mussten:

  1. Die permanente Überforderung: Wir waren ununterbrochen am Limit. Es gab nie einen Zustand, in dem man mal entspannt steuert und den Flug genießt. Es war ein ständiges Grübeln: „Was mache ich hier gerade und wie mache ich es richtig?“ Man wusste es schlicht nicht.

  2. Der falsche Flieger: Das fing schon beim Modell an. Ein schneller, unruhiger Motortrainer mit Verbrenner, der nicht eigenstabil fliegt, ist für den Einstieg komplett ungeeignet. Bei so einem Modell sind Überforderung und Abstürze vorprogrammiert. Wenn ein Flieger nie von selbst geradeaus liegt und du ununterbrochen knüppeln musst, hast du keine Sekunde zum Durchatmen. Ein Modell muss am Anfang eigenstabil sein, damit du den Kopf frei hast.

  3. Kleine Schritte fehlen: Zu glauben, man lernt das Fliegen schneller, wenn man gleich über alle Achsen reagieren muss, ist ein fataler Trugschluss. Das ist viel zu viel auf einmal. Es ist um Welten besser, am Anfang kleine Schritte zu machen – der Lerneffekt ist am Ende trotzdem viel schneller, als wenn man sich sofort überfordert.

  4. Die Abhängigkeit vom Fluglehrer: Wenn der Fluglehrer immer sofort das Ruder übernimmt, sobald es kritisch wird, lernt man kritische Situationen niemals selbst zu lösen. Wenn du dann alleine bist, stehst du wieder mit genau derselben Unsicherheit da: Du müsstest die kritische Situation plötzlich alleine retten, hast es aber nie geübt. Wenn man es nicht geübt hat, kann man es nicht schaffen – ein echter Teufelskreis.

  5. Fehlendes Verständnis für die Reaktionen: Wir haben überhaupt nicht verstanden, warum der Flieger was wann macht. Warum reagiert er so auf den Wind? Warum geht er nach oben? Warum kommt er in den Strömungsabriss und kippt ab? Warum verfehlt er die Landebahn? Wenn du die Zusammenhänge und die Aerodynamik nicht verstehst, kannst du sie in der Luft unmöglich steuern. Du musst es zuerst im Kopf verstehen.

Was wir damals wirklich gebraucht hätten

Wir hätten damals etwas ganz anderes gebraucht:

  • Wir hätten einen Flieger gebraucht, mit dem wir uns sicher fühlen, der uns nicht überfordert und bei dem wir den Flug auch mal genießen können

  • Wir hätten einfache Übungen gebraucht, die uns langsam heranführen und bei denen wir verstehen, was wir da tun

  • Wir hätten Übungen gebraucht, bei denen wir lernen, kritische Situationen selbstständig zu überstehen, um echte Sicherheit aufzubauen – ganz ohne die ständige Abhängigkeit vom Lehrer

  • Und wir hätten das echte Verständnis für die Reaktionen des Fliegers und die Aerodynamik gebraucht, um zu wissen, warum er wie reagiert

Der schönste Flugtag: Jahrzehnte später

Viele Jahre später habe ich meinem Vater zu Weihnachten ein richtiges, echtes Anfängermodell geschenkt. Ich habe gesagt: „Komm, lass es uns noch einmal probieren.“

Wir sind voller Vorfreude genau auf die Wiese gefahren, auf der wir damals in meiner Kindheit gemeinsam die ersten Flüge gemacht hatten. Ich habe meinem Vater genau gezeigt, wie er die Flüge ansetzen und steuern muss.

Und dann ist er geflogen: wunderschöne, absolut erfolgreiche Flüge. Er hat über das ganze Gesicht gestrahlt, wir hatten unglaublich viel Spaß und es war einfach nur ein traumhafter Flugtag.

Es hätte schon so viele Jahre früher genau so laufen können. Aber ich bin unendlich dankbar, dass wir diesen wunderschönen Flugtag noch zusammen erleben durften. Die Freude und das Strahlen in seinem Gesicht werde ich mein Leben lang nie vergessen.

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Fazit: Lass dich nicht von falschen Methoden entmutigen

Die Geschichte meines Vaters zeigt, warum so viele Einsteiger nach den ersten Versuchen das Handtuch werfen. Es liegt nicht am Piloten und nicht an fehlendem Talent.

Wer wirklich sicher fliegen lernen will, muss sich diesen Frust nicht antun:

  • Lass dir nicht einreden, dass ein schnelles oder nervöses Modell dich schneller zum Piloten macht

  • Vermeide Methoden, die dich in ständige Überforderung stürzen oder dauerhaft vom Eingreifen eines Lehrers abhängig machen

  • Wähle ein Modell, das eigenstabil in der Luft liegt und dir Zeit zum Nachdenken gibt

  • Lerne zuerst die Ursachen und Reaktionen deines Flugzeugs im Detail kennen, bevor du in brenzlige Situationen gerätst

  • Baue deine Fähigkeiten mit einfachen, gezielten Übungen schrittweise und eigenständig auf

Wenn das System und das Flugzeug stimmen, ist das Fliegen keine Zitterpartie, sondern bringt vom ersten Tag an genau das, worum es in diesem Hobby geht: pure Freude und ein breites Grinsen im Gesicht.

Ich wünsche Dir viele gute Flüge und sichere Landungen. ✈️

Servus, bis bald,

Dein Max

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